Unsere winterliche Reise mit der Eisenbahn neigt sich zwar langsam dem Ende zu, doch zuvor machen wir noch Halt an einer Station einer privaten Bahnlinie auf der Strecke Gogolin – Neustadt (heute: Prudnik). Am Bahnhof Moschen (Moszna) stiegen nicht nur Gäste des Hauses von Tiele-Winckler aus dem Zug, sondern auch Kaiser Wilhelm II. selbst. Den Presseberichten zufolge nahm er in den späten Herbstmonaten der Jahre 1901, 1904, 1910, 1911 und 1912 an eigens zu seinen Ehren organisierten Jagden teil. Die offiziellen Empfänge fanden höchstwahrscheinlich im Jagdsaal statt – dem Stolz des Grafen Franz von Tiele-Winckler.
Kaiserliche Jagden in Moschen
Bekannt ist, dass der Kaiser eine Vorliebe für einfache, schlichte Speisen hatte. Auf der Tafel erschienen daher häufig Suppe, Fisch sowie ein Braten mit Salat und Kompott. Danach folgten Gemüse, ein süßer Nachtisch, Käsegebäckstangen und Obst. Sehr oft wurden auch Krebse serviert, die man in kleinere Portionen teilte, da Wilhelm II. infolge einer Lähmung der linken Hand ausschließlich seine rechte Hand benutzen konnte.
Bahnhaltestelle in Moschen bei Prudnik.Quelle: Wikipedia
Aus Telegrammen der damaligen Presse geht hervor, dass am 4. Dezember 1901 der kaiserliche Zug mit zwölf luxuriösen Salonwagen auf einer eigens vorbereiteten Station unmittelbar neben dem Schloss Moschen eintraf. Graf Franz Hubert begrüßte den hohen Gast, anschließend begab man sich mit der Kutsche zum Schloss. Am folgenden Tag fand die Jagd statt, und zwischen dem sechsten und siebten Treiben wurde ein Frühstück gereicht. Dieses wurde in einem eigens zu diesem Zweck errichteten, stilvollen Holzbau serviert. Nach Abschluss der Jagd setzte der kaiserliche Zug seine Reise durch Schlesien fort. Wilhelm II. soll sich vor der Abfahrt mit den Worten verabschiedet haben: „Mein lieber Thiele, bei dir gefällt es mir immer, und es ist außerordentlich gut, weil alles so reibungslos verläuft.“
Heute ist der Ort, an dem einst der Kaiser aus dem Zug stieg, von Gestrüpp überwuchert. An die Geschichte des Platzes erinnert lediglich der Überrest eines außergewöhnlichen Exemplars einer amerikanischen Sumpfeiche, die zweifellos noch die Zeiten der kaiserlichen Besuche im damaligen Moschen erlebt hat.
Postkarte 1899.Quelle: ODB
Mitte des 19. Jahrhunderts befanden sich in Moschen ein Gutshof mit Schäferei, ein Jagdhaus sowie eine weitläufige Parkanlage. Im Dorf gab es rund 30 Höfe, darunter 10 mit Obstgärten und 14 mit Acker. Zudem bestanden zwei Wirtschaftsbetriebe. Der erste ist im Adressbuch von 1914 verzeichnet – eine von Fritz Gaertner geführte Gastwirtschaft. Der zweite trug den Namen „Gaststätte zu den drei Rosen“ und gehörte Otto Oelke.
Ein ungeplanter Besuch im Märchenschloss
Das Dorf Moschen befand sich seit 1866 im Besitz von Hubert von Tiele-Winckler. Unsere familiäre Reise zu diesem malerischen Schloss fand 150 Jahre später statt – vollkommen ungeplant. Wir waren auf der Rückfahrt aus dem Urlaub, als auf der Autobahn ein gewaltiges Unwetter losbrach. Sturm und starker Regen machten die Fahrt nahezu unmöglich. Kurz hinter Oppeln gaben wir auf, verließen die Autobahn und suchten nach einer Idee für die nächsten Stunden. So beschlossen wir, das Wetterchaos mit einem Besuch des märchenhaften Schlosses Moschen zu überbrücken.
Heute ist Bahnhof Moschen, an dem einst der Kaiser aus dem Zug stieg, von Gestrüpp überwuchert. An die Geschichte des Platzes erinnert lediglich der Überrest eines außergewöhnlichen Exemplars einer amerikanischen Sumpfeiche, die zweifellos noch die Zeiten der kaiserlichen Besuche im damaligen Moschen erlebt hat.
Besonders beeindruckte uns damals der Wintergarten: Unter dem verglasten Dach hingen reifende Kokosnüsse und Bananen, und auch ein monumentaler Pflanzkübel aus italienischem Marmor zog mit seinen zahlreichen Details und Verzierungen alle Blicke auf sich. Die traurige Geschichte des Schlosses und das, was von den letzten Besitzern geblieben ist, beschäftigten uns noch lange. Immer wieder fragen wir uns, warum manche Orte ununterbrochen weiterleben, während andere – vom Schicksal gezeichnet – lediglich an ihre einstige Pracht erinnern.
Foto vor 1939.Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek
An jenem Julitag wirkte das Schloss, über dem bedrohlich schwarze Wolken hingen, beinahe unwirklich, während der umliegende Park mit seinem alten Baumbestand das harmonische Gesamtbild vollendete. Ob wir damals bei einer Tasse Kaffee verweilten oder lieber den gepflegten, fast 40 Hektar großen Park erkundeten, vermag ich nicht mehr zu sagen. Das Dorf selbst haben wir leider nicht besucht – höchste Zeit also, dieses Versäumnis nachzuholen. Zumal hier jedes Jahr im Mai und Juni das Fest der blühenden Azaleen gefeiert wird.
Hobelspäne – ein Dessert aus alter schlesischer Küche
Kulinarisch möchte ich diese Geschichte mit einer Süßspeise abschließen, nach der man unwillkürlich greift und deren Name mich schon immer fasziniert hat: „Hobelspäne“ (Pl.: wióry). Und tatsächlich: Die Form des Gebäcks erinnert an dünne, eingerollte Holzspäne. Das Rezept selbst stammt aus dem Kochbuch von Maria Wurst, geboren 1875 in Schwerfelde (Ciężkowice), die bis zu ihrem Tod am 26. Oktober 1941 in Oppeln, Gartenstraße 29 (heute ul. Sienkiewicza), lebte.
Schloss Moschen.Foto: Małgorzata Janik
Rezept für Hobelspäne
Zutaten:
½ kg feines Mehl
2 Eier
125 g Zucker
4 EL ausgelassene Butter
4–5 EL saure Sahne oder gute Milch
1 nicht zu voller TL Backpulver
Hobelspäne: eine kaiserliche Süßspeise.Foto: Michał Janik
Zubereitung:
Mehl, Eier, Zucker, Butter, Sahne und Backpulver werden zu einem klaren Teig gearbeitet, den man auf dem Nudelbrett messerrückenstark ausrollt. Man schneidet daraus mit dem Messer oder den Backrädchen ungefähr 10 cm lange und 3–4 cm breite Streifen, macht mitten einen kurzen Schlitz und zieht das eine Ende des Streifens durch den Schlitz. Jetzt bäckt man die Hobelspäne in kochendem Backfett schwimmend auf beiden Seiten schön braun, nimmt sie heraus, lässt das Fett abtropfen und hüllt sie in Zucker, der etwas Vanillinzucker enthalten kann. Man kann auch statt der Sahne herben Wein oder auch 1 EL Sahne und 1 EL Arrak nehmen.
Hobelspäne sind ein wahrhaft kaiserliches Dessert, ausgewählt aus einem historischen Oppelner Kompendium für Liebhaber der alten schlesischen Küche:
„Kochbuch für Schule und Haus. Auf Grund praktischer Erfahrungen zusammengestellt“ (Ausgabe von 1910).






