„Wie gut es den Minderheiten geht, ist ein Indikator dafür, wie demokratisch ein Land ist.“

wochenblatt.pl 7 godzin temu
Zdjęcie: Gitte Zschoch ist Generalsekretärin des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen. Foto: M. Grocholski/ifa


Interview mit ifa-Generalsekretärin Gitte Zschoch

Gitte Zschoch leitet das ifa – Institut für Auslandsbeziehungen, das unter anderem die deutschen Minderheiten im östlichen Europa und in Zentralasien fördert. Im November besuchte sie mit einer ifa-Delegation Schlesien. Über die Bedeutung der Förderung der deutschen Minderheit in Polen und darüber, weshalb die Reise für Zschoch auch eine persönliche Dimension hatte, sprach Mauro Oliveira mit ihr.

Das ifa setzt sich weltweit für die Freiheit in Kunst, Forschung und Zivilgesellschaft ein. Das geschieht in Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort. Wie baut man dieses Netzwerk auf und wie weitet man es gegebenenfalls aus?

Unsere Netzwerke sind über Jahrzehnte gewachsen und beruhen auf menschlichen Kontakten. Deswegen ist die Arbeit eng mit Mobilität verbunden. Es geht darum, hinzufahren, zu sprechen, Kontakte zu pflegen und neue mögliche Partner kennenzulernen.

Dafür benötigt man engagierte Kolleg:innen, die für ihre Themen brennen, die immer ihre Fühler draußen haben und sich darauf einlassen. Und die hat das ifa.

Im Verlauf Ihrer Karriere waren Sie selbst an verschiedenen Standorten tätig. Sie waren in Seoul, in Tokio und in Johannesburg; in Kinshasa haben Sie das Goethe-Institut aufgebaut. Dann waren Sie Geschäftsführerin beim Netzwerk der Nationalen Kulturinstitute der Europäischen Union (EUNIC) in Brüssel. Gibt es eine Erfahrung aus der Zeit im Ausland, die Sie besonders geprägt hat?

Die wichtigste Erfahrung meiner Auslandsaufenthalte ist, Debatten und die Gesellschaft, die Welt, aus sehr vielen verschiedenen Perspektiven wahrgenommen zu haben. Es ist ein großes Privileg, direkt von Menschen vor Ort zu hören, wie sie auf Themen blicken und welche Dinge und Werte für sie wichtig sind.

Einzelne Erlebnisse herauszugreifen, ist schwierig. Aber natürlich ist es etwas sehr Besonderes, das eigene Masterstudium in koreanischer Literatur auf Koreanisch in Korea zu absolvieren. Das ging, weil mich meine Kommiliton:innen unterstützt und mitgetragen haben – durch die schriftlichen Prüfungen, das Schreiben der Masterarbeit, die mündliche Verteidigung…

„Die große Klammer der Arbeit des ifa in der Welt ist es, zur Stärkung der demokratischen Zivilgesellschaften beizutragen. Und da spielen Minderheiten eine entscheidende Rolle, denn wie gut es den Minderheiten geht, ist ein Indikator dafür, wie demokratisch ein Land ist.“

Und es ist auch etwas Besonderes, Projekte in Kinshasa aufgebaut zu haben. Dort haben wir zum Beispiel an der Kunsthochschule einen Fotografiekurs mitentwickelt. Dabei ging es darum, das Portfolio der Kunsthochschule nach ihren Wünschen zu erweitern und Menschen in Fotografie auszubilden. Einige von ihnen arbeiten nun für internationale Nachrichtenagenturen und können so ein eigenes Bild des Kongos vermitteln. Denn unser Afrika-Bild in Deutschland und Europa ist weiterhin nicht sehr differenziert, obwohl wir ständig von Bildern aus allen Teilen der Welt umgeben sind.

In einem früheren Wochenblatt-Interview, mit meinem Vor-Vorgänger als ifa-Redakteur, Lukas Netter, haben Sie erwähnt, dass einige Ihrer Vorfahren aus Beuthen/Bytom stammen. Welche Bedeutung hatte dieser Teil Ihrer Herkunft in Ihrem Leben?

Zu Hause wurde oft davon erzählt, dass die Familie meiner Mutter aus Beuthen stammt und damit aus Oberschlesien. Das ist bis heute stark in Erinnerung, auch wenn wenig objektives Wissen dazu vorhanden ist. Selbst Fragen danach, wann die Flucht erfolgt ist, wie genau und was mitgenommen wurde, kann ich nicht beantworten. Meine Großmutter hat als Erwachsene Beuthen kein einziges Mal besucht.

Deswegen war es mir wichtig, durch die Arbeit des ifa, die auch in Schlesien stattfindet, genauer hinzusehen und zu fragen: Wie beeinflusst meine eigene Geschichte meine Arbeit am ifa heute?

Diese zeigt exemplarisch, dass wir in Deutschland generell wenig Wissen darüber haben, dass es Menschen gibt, die nach 1945 in Schlesien, im heutigen Polen, geblieben sind. Menschen also, die eine deutsche Geschichte haben, eine deutsche Verbindung oder deutsch sind, deutsch sprechen – was übrigens die Partner des ifa sind. Das wird noch zu selten thematisiert, nicht ohne Grund. Denn wir haben als Deutsche auch eine große Verbrechensgeschichte in Polen.

Waren Sie auf Ihrer aktuellen Reise auch in Beuthen?

Ja, ich habe mir auch die Straßen angeschaut, von denen ich wusste, dass sie einen Bezug zum Leben meiner Großmutter haben. Die hatten natürlich deutsche Namen, die haben wir uns übersetzen lassen und sind dann dorthin gefahren.

Es war eine wertvolle Erfahrung, weil ich wenig darüber wusste, welche industrielle Bedeutung die Region hatte und wie reich die Stadt einst war. Spannend zu sehen, wie es dort heute aussieht!

Auf dieser Reise haben Sie einen Einblick in die schlesische Geschichte und die schlesische Kultur erhalten. Und Sie haben mit den Vertreter:innen der deutschen Minderheit gesprochen. Welchen Stellenwert hat die Förderung der deutschen Minderheiten in Polen für das ifa?

Die Zusammenarbeit mit den deutschen Minderheiten in Polen und in anderen Ländern ist für das ifa sehr wichtig. Das begleitet uns schon fast seit der Gründung des ifa vor über 100 Jahren.

Die Art der Zusammenarbeit hat sich verändert, aber sie war immer von hoher Bedeutung und bleibt es auch. Die große Klammer der Arbeit des ifa in der Welt ist es, zur Stärkung der demokratischen Zivilgesellschaften beizutragen. Und da spielen Minderheiten eine entscheidende Rolle, denn wie gut es den Minderheiten geht, ist ein Indikator dafür, wie demokratisch ein Land ist. Sie sind ein Seismograf für Teilhabe, Pluralismus, offene Gesellschaften – auch für kulturelle Freiheit.

Gitte Zschoch, sekretarz generalna ifa, odwiedziła Polskę w listopadzie 2025 roku. W Opolu spotkała się z przedstawicielami mniejszości niemieckiej.
Foto: M. Grocholski/ifa

Mit unserem Programm hier in Polen und mit den entsandten Kulturmanager:innen und Redakteur:innen tragen wir dazu bei, ein authentisches, differenziertes Deutschlandbild zu vermitteln, gleichzeitig stärken wir die Brückenfunktion, die die Minderheiten haben. Und wir bringen Wissen darüber wieder zurück nach Deutschland.

Durch die Gespräche mit den Angehörigen der deutschen Minderheit hier vor Ort habe ich selbst sehr viel gelernt. Insbesondere ist mir noch deutlicher bewusst geworden, wie angespannt die deutsch-polnischen Beziehungen weiterhin sind und wie wichtig es ist, noch mehr dafür zu tun, dass es noch mehr Austausch und noch mehr Verständigung gibt.

Nun ist diese kooperative Herangehensweise in den letzten Jahren zunehmend unter Druck geraten, durch einen neuen Nationalismus. Zu diesem Thema hat das ifa zusammen mit der Hertie School auch eine Studie veröffentlicht. Auch in Polen hat man das gemerkt, vor allem in der vergangenen Regierungsperiode. Auch die von Vertretern der PiS vorgebrachte Forderung nach Reparationszahlungen von Deutschland kann als Ausdruck einer interessengeleiteten Außenpolitik verstanden werden, die eher auf Konfrontation ausgelegt ist.
Welche Möglichkeiten hat das ifa, auf solche widrigen Bedingungen zu reagieren?

Es ist eine sehr große Errungenschaft der Bundesrepublik Deutschland, eine auswärtige Kulturpolitik aufgebaut zu haben, die auf die Arbeit von Mittlern setzt. Diese Organisationen, darunter das ifa, haben eine hohe Expertise, sie haben langjährige Netzwerke. Damit beruht die auswärtige Kulturpolitik Deutschlands auf einer partnerschaftlichen, kooperativen und vertrauensbasierten Arbeit.

Und wir werden natürlich weiter an diesen Prinzipien festhalten, weil auch Studien zeigen, dass dieses Vorgehen nachhaltig wirkt. Es geht darum, Verständnis und Vertrauen zu schaffen, um Deutschlands Beziehungen in die Welt zu stärken. So profitiert auch Deutschland davon. Das ist eine Argumentation, die wir jetzt noch stärker betonen müssen.

Gleichzeitig ist es wichtig, dass in der Zeit, in der der Sicherheitsdiskurs, also Hard Power, immer wichtiger wird, auch die Soft Power – das ifa zählt als Kulturmittlerorganisation zu diesem großen Komplex der Soft Power Deutschlands – erhalten bleibt und vielleicht sogar in gleichem Maße gestärkt wird, wie die Hard Power zunimmt. Daran werden wir weiterhin arbeiten.

Es ist nicht die leichteste Zeit, dafür zu werben und dafür Unterstützer:innen zu finden. Aber wir bleiben dran und es ist natürlich gut, das auch im Schulterschluss mit unseren Partnerinnen und Partnern zu tun. Denn die Art, wie wir arbeiten, wird – hier in Polen zum Beispiel – als sehr positiv wahrgenommen. Das ist gut für uns zu wissen und es ist auch gut, das an die politischen Entscheidungsträger zurückzuspielen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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