Von Krakau nach Leobschütz

wochenblatt.pl 1 godzina temu
Zdjęcie: Leobschütz, Ansichtskarte Quelle: Wikipedia


Das schlesische Schicksal der polnischen Fürstin, die keinen Deutschen wollte

Die Legende von Wanda, der Fürstin aus Krakau, die „keinen Deutschen wollte“, gehört zu den bekanntesten polnischen Nationalmythen. Ihre Geschichte kennt wohl jedes polnische Kind: Die schöne Herrscherin weist die Hand eines deutschen Fürsten zurück, und als dieser ihr mit Krieg droht, stürzt sich Wanda in die Weichsel, um Ehre und Land zu retten.

Dieses Bild – stark national aufgeladen und in seiner Symbolik eher eindeutig – prägte über Jahre die polnische Vorstellungskraft. Wenige wissen jedoch, dass im 19. Jahrhundert eine schlesische Version dieser Erzählung entstand, die deutlich vom bekannten Schema abweicht. Mehr noch: Ihr Autor, der Leobschützer Lehrer Ferdinand Minsberg, verlegte die Handlung nicht an die Weichsel, sondern in den Raum des mittelalterlichen Oberschlesiens.

Leobschütz, Ansichtskarte
Quelle: Wikipedia

In der Erzählung Die Vennfrau bei Füllstein ist Wanda nicht mehr nur die polnische Fürstin, die in den Fluten des Flusses stirbt, obwohl man zugeben muss, dass der polnisch-deutsche Antagonismus in dieser Geschichte weiterhin präsent ist. Doch für die Zurückweisung der Hand des edlen Fürsten Rhitogar trifft Wanda eine zusätzliche Strafe – sie findet selbst nach dem Tod keinen Frieden und muss als verfluchtes Wesen, die titelgebende Vennfrau, durch die Welt wandern. Diese Bezeichnung verweist auf das Wort Venn, das Moor, Sumpf oder Feuchtgebiet bedeutet. Kein Zufall: In der schlesischen Tradition verband man solche Orte häufig mit übernatürlichen Gestalten, seien es Wassermänner oder Wasserfrauen. So wird Wanda zur Vennfrau – einer rätselhaften Gestalt mit übernatürlichen Eigenschaften.

Wenige wissen, dass im 19. Jahrhundert eine schlesische Version der Saga über Wanda entstand, die deutlich vom bekannten Schema abweicht. Mehr noch: Ihr Autor, der Leobschützer Lehrer Ferdinand Minsberg, verlegte die Handlung nicht an die Weichsel, sondern in den Raum des mittelalterlichen Oberschlesiens.

Univ.-Prof. Dr. habil. Nina Nowara-Matusik Foto: privat

Nicht weniger interessant ist, dass Minsberg Wanda mit einer weiteren wichtigen Figur der schlesischen Dämonologie verbindet – der Melusine, einer geheimnisvollen Wasser- und Windfrau, die in der ganzen Region bekannt ist. In vielen schlesischen Erzählungen erscheint Melusine als Wesen, das im Wind klagt und nach seinen Kindern sucht. Wanda in Minsbergs Version weist ähnliche Züge auf: Sie erhebt sich in die Luft und schwebt durch den Himmel, und Erlösung – die Befreiung vom Fluch – kann ihr gerade ein Kind bringen.

Die schlesische Eigenart von Wanda wird auch durch ihre Bindung an den Ort akzentuiert. Die Handlung spielt in der Umgebung des ehemaligen Füllstein, des heutigen Włodzienin, nahe Leobschütz. Es ist eine Region, in der sich über Jahrhunderte polnische, deutsche und tschechische Einflüsse durchdrangen. Wanda wird hier zum Symbol einer Grenzidentität: uneindeutig und vielschichtig. Sie ist eine komplexe und vielfältige Figur – so komplex wie das historische Oberschlesien. Sie wandert durch die Gegend und nimmt verschiedene Gestalten an – einmal eine schöne Frau, dann eine Bettlerin, ein anderes Mal eine Zwergin oder sogar eine Hexe.

Minsberg verschiebt die Akzente auch in anderer Hinsicht. In der schlesischen Version handelt Wanda nicht im Namen einer Nation, sondern folgt ihrem inneren Imperativ und zugleich einer moralischen Ordnung. Sie belohnt jene, die Güte zeigen, und bestraft jene, die Bedürftigen den Rücken kehren. Sie wird nicht von Feindseligkeit gegenüber einem anderen Volk geleitet, sondern von einem ethischen Kompass. Nicht der polnisch-deutsche Konflikt bildet hier das Zentrum der Erzählung, sondern der ewige Kampf zwischen Gut und Böse. Das wiederum macht die schlesische Wanda zu einer archetypischen, nicht zu einer nationalen Figur – zu jemandem, der zur Welt der Mythen gehört, nicht zur Welt der Politik oder der nationalen Geschichte.

Quelle: Wirkipedia

Obwohl es ein Text aus dem 19. Jahrhundert ist, gestaltet der Leobschützer Lehrer die Figur der Wanda auf sehr moderne Weise und zeigt, dass Mythen neu interpretiert und neu erzählt werden können. Dass eine Legende, die an einem Ort nationale Narrative stützt und festigt, an einem anderen aus eingefahrenen Mustern ausbrechen und Raum für neue Bedeutungen öffnen kann. Dass die Krakauer Fürstin auch ein Dämon sein kann, eine leidende Frau, eine strafende Hand der Gerechtigkeit und eine würdige Herrscherin. Und dass regionale Erzählungen nicht zwangsläufig Provinzialität bedeuten müssen. All dies kann jedoch nur unter einer einzigen, aber grundlegenden Bedingung geschehen: Die nationale Erzählung muss sich für das Lokale öffnen, und das Lokale für die nationale Erzählung. Denn das Lokale ist keine Bedrohung für das Nationale. Und das Nationale keine Bedrohung für das Lokale. Die Geschichte der schlesischen Wanda zeigt nämlich, dass beide Werte koexistieren und einander beleuchten können – ohne sich etwas zu nehmen oder einander zu gefährden. Das ist möglich – und erst recht in der Literatur.

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